Künstliche Intelligenz hat den Markt für professionelle Sprachdienstleistungen tiefgreifend verändert – aber sie ersetzt weder Fachwissen noch Sprachbewusstsein.
Neuronale maschinelle Übersetzung und große Sprachmodelle haben die Schwelle für „brauchbare“ Rohübersetzungen massiv gesenkt und ermöglichen in Sekunden, was früher Stunden dauerte. Deutliche Kosteneinsparungen und Zeitgewinne – ein reizvolles Angebot für den geschäftlichen Einsatz?
Auch wenn Chatbots durchaus als „menschlich“ wahrgenommen werden: KI-Systeme berechnen statistische Wahrscheinlichkeiten aus großen Datenmengen. Doch „verstehen“ sie weder Bedeutungstiefe noch Wirkung eines Textes wirklich – und können damit auch Fehler und Verzerrungen (re-)produzieren. Fachübersetzer bleiben unverändert die Experten für Sprache: Sie entscheiden, welche Wirkung ein Text entfalten soll, welche Nuancen tragfähig sind und welche Formulierungen zu Absender, Zielgruppe und Medium passen. Zudem können sie durch fundiertes Fachwissen Fehler erkennen – in der Übersetzung, aber auch im Ausgangstext. Der Beruf entwickelt sich zunehmend zu einer beratenden Rolle entlang der gesamten Kommunikationskette.
Sprachliche Kompetenz: Wirkung, Stil und Kontext
Professionelle Übersetzer wissen nicht nur, was Worte bedeuten, sondern auch, wie sie wirken und wo sie im Text stehen müssen. Diese Steuerung von Tonalität, Rhythmus und Argumentationsführung ist (nicht nur) in Reden, Führungskräfte- oder Krisenkommunikation entscheidend, weil dort Persönlichkeit, Glaubwürdigkeit und Vertrauensaufbau im Vordergrund stehen. Eine KI kann stilistische Muster imitieren, aber sie hat kein eigenes Kommunikationsziel und keine Einschätzung der Beziehung zwischen Absender und Adressaten – sie generiert Varianten, ohne Verantwortung für die Wirkung zu übernehmen. Professionelle Übersetzer hingegen arbeiten mit einem klaren Briefing, kennen Markenstimme, Unternehmenskultur und rechtliche Rahmenbedingungen und gestalten den Text so, dass er in das kommunikative Gesamtbild des Auftraggebers passt.
Eine englische Rede für einen deutschen CEO muss dessen Sprachprofil, gewohnte Wortwahl und rhetorische Komfortzone berücksichtigen, damit sie authentisch klingt und vom Sprecher getragen werden kann. Eine KI kann einen grammatisch korrekten und „glatt“ formulierten Text liefern, aber sie weiß nicht, welche Begriffe der konkrete Sprecher sicher ausspricht, welche Metaphern er vermeiden will und welche Anspielungen im jeweiligen Kapitalmarktumfeld sogar riskant wären.
Expertenwissen als Qualitätsanker – besonders in Finanztexten
Gerade in hochspezialisierten Bereichen wie Finanzmarktkommunikation, ESG-Berichterstattung oder Steuer- und Aufsichtsrecht entscheidet fachliches Verständnis darüber, ob eine Übersetzung rechtlich, fachlich und reputationsseitig tragfähig ist. Ein Übersetzer mit Branchenhintergrund kann Geschäftsberichte, Emissionsbedingungen oder komplexe Compliance-Texte nicht nur sprachlich sauber übertragen, sondern inhaltlich einordnen, Plausibilität prüfen und begriffliche Inkonsistenzen erkennen. KI-Modelle sind hingegen auf Trainingsdaten angewiesen und können falsche, veraltete oder auch nicht existente Inhalte mit hoher sprachlicher Sicherheit formulieren, ohne zwischen fachlicher Richtigkeit und bloßer Wahrscheinlichkeit zu unterscheiden. Daher ist ein qualifizierter Humanübersetzer als fachliche Kontrollinstanz unverzichtbar, um Terminologie, Begriffe und regulatorische Bezüge korrekt zu setzen.
Professioneller Umgang mit KI: Workflow statt „entweder – oder“
In der Praxis setzen viele Übersetzungsdienstleister schon seit vielen Jahren technische Hilfsmittel ein. Zunehmend nutzen sie auch die Chancen des technologischen Fortschritts durch KI. Hierzu gehören Terminologie-Management, Qualitätskontrollen, Datenschutz- und Compliance-Prüfung sowie eine abschließende sprachliche und fachliche Bearbeitung, die ein qualitativ hochwertiges Endprodukt sichert. Seriöse Anbieter weisen zugleich darauf hin, dass Rohübersetzungen ohne menschliche Kontrolle lediglich für rein interne Informationszwecke taugen und für publizierte oder rechtsrelevante Texte ungeeignet sind. Professionelle Übersetzer werden damit zu Prozessgestaltern, die entscheiden, wann KI sinnvoll ist, welche Tools datenschutzkonform sind und wo konsequent auf manuelle Übersetzung und Revision gesetzt werden muss.
Warum menschliche Fähigkeiten essenziell bleiben
KI-Systeme werden mit von Menschen erstellten Texten trainiert; sinkt die Qualität dieser Grundlage, leidet auch die Qualität der Modelle – ein Punkt, auf den Sprachwissenschaftler im Kontext der Übersetzung ausdrücklich hinweisen. Sprachexperten bleiben deshalb nicht nur als Korrektiv, sondern auch als Produzenten hochwertiger Referenztexte entscheidend, damit das gesamte Ökosystem professioneller Kommunikation nicht erodiert. Darüber hinaus übernehmen menschliche Übersetzer Verantwortung – für Richtigkeit, Verständlichkeit, kulturelle Angemessenheit und die ethische Dimension von Kommunikation, etwa bei der Vermeidung diskriminierender oder manipulativer Formulierungen.
In einer Welt, in der automatisierte Systeme immer mehr Texte erzeugen, wird die Rolle professioneller Sprachdienstleister damit weniger austauschbar: Sie sind nicht das „menschliche Anhängsel“ der Maschine, sondern fachlich und sprachlich verantwortliche Regisseure eines zunehmend hybriden Textproduktionsprozesses.
Über den Autor:
Zehn Jahre lang war Ralf Lemster im Investment Banking der Dresdner Bank AG tätig und hier insbesondere für den Handel und Vertrieb unterschiedlichster Zins-, Devisen- und Aktienprodukte verantwortlich. Nach vier Jahren in London ergab sich 1994 erstmals die Gelegenheit für eine interessante und höchst spannende Nebentätigkeit: hochwertige Fachübersetzungen von Profis für Profis.
Seit 1997 ist Ralf Lemster als staatlich geprüfter und ermächtigter (vereidigter) Übersetzer für die englische Sprache vollumfänglich selbstständig (Ralf Lemster Financial Translation GmbH).
Besonders gern übersetzt er dabei Texte zu strategischer Unternehmenskommunikation, Derivaten und strukturierten Produkten, elektronischen Börsenhandels- und -abwicklungssystemen und grundsätzlich alles, bei dem es auf solides Fachwissen ankommt.
Neben seiner Tätigkeit als Übersetzer ist Herr Lemster auch als Moderator von Fachtagungen und Podiumsdiskussionen (auch online) tätig.
Er ist Mitglied des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) e.V. und war von 2011 bis 2023 dessen Vizepräsident.

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Foto/Video © Airport Club Frankfurt Flughafen GmbH & Co. KG
Portrait: © Ines Männl

